Der Tattoohype

Der Tattoo-Boom

Leider geht der ganze Tattoo-Hype in die falsche Richtung. Durch die diversen Reality Tattoo Shows (nichts gegen die Shows), wird ein falsches Bild vom Tätowierer projiziert.

Wenn ich mich so umhöre, gucken sich sehr viele solche Sendungen an, das ist auch gut so, aber der bittere Beigeschmack ist folgender:

Leute, die sich diese Sendungen 3-mal, 5-mal oder öfter angeschaut haben, denken sich dann:
„Ey, das ist ja eh ur einfach, das kann ich auch".
Die kaufen sich irgendeine Tattoomaschine per Ebay und fangen an zuhause die Leute zu verpfuschen.
Obwohl sie absolut KEINE Ahnung von der Materie haben (Die Typen nennen wir Scratcher).
Scratcher haben weder vom Tätowieren selbst, noch von der Hygiene und Sterilisation Ahnung.
Studiobesitzer müssen Vako- und Autoklaven, Ultraschall oder diverse Sterilisationsgeräte im Studio haben (siehe „Das Studio"), und die kosten echt viel Geld.
Bei einem Scratcher, von denen die meisten zuhause „Privat, wie man so schön sagt" arbeiten, werdet ihr keines dieser Geräte finden (oder alte nicht gewartete Geräte).
Die Gerätschaften müssen jedes Jahr aufs neue, wie ein Kfz, zur Überprüfung, damit sie ein „Pickerl" bekommen.
Noch dazu kommt, dass sie uralte, nicht zugelassene Farben und die Nadeln mehrmals verwenden.
In einem Studio werden die Nadeln einmal verwendet und nach jedem Kunden weg geschmissen.

Klar sind Scratcher billiger als offizielle Studios, aber auch gefährlicher.
Wenn die Gerätschaften nicht sterilisiert und die Nadeln öfters verwendet werden, hast du ein billiges und verpfuschtes Tattoo und wenn du Pech hast (und die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch), bekommst du Krankheiten wie Hepatitis A,B,C oder andere schwere Erkrankungen gleich gratis mit dazu.
Was nützt dir ein billiges Tattoo, wenn du es nicht überlebst, um es mal hart auszudrücken.
Die offiziellen Tattoostudios müssen sich strengen Auflagen und Richtlinien Jahr für Jahr unterziehen.
Der Scratcher macht wie er es glaubt, meistens mit null Ahnung.
Klar, im TV schaut das total leicht aus.
Wenn ich einem Automechaniker zugucke, wie er ein Getriebe zerlegt und wieder zusammenschraubt, schaut das auch einfach aus.
Aber wenn ich das machen würde, fährt mein Auto nie wieder.

Quelle: 666 Tattoo Demon

Einen sehr guten Artikel schrieb Martin von der Zeitschrift Tattoo Spirit

Wie Stricke ich mir ein Tattoo?
Über jamaikanische Gelassenheit, glühende Nadeln im Sack und Chicago-Schaf

Kennt ihr das?
Man wacht morgens auf und ist plötzlich Experte. Passiert Tausenden von Menschen jeden Tag, in jeder Stadt, sogar direkt bei euch in der Nachbarschaft.
Warum also sollte dieses Phänomen vor dem Thema Tattoo halt machen?
Tut es auch nicht, auch hier stehen jeden Morgen etliche Tattoo-Experten auf, wollen selbst Profi werden, haben sich aber mit den Anforderungen dieses Berufes nicht wirklich beschäftigt.
Es ist gerade einmal ein paar Wochen her, als in unserem Forum (www.tattoo-spirit.de) wieder einmal heftig über die User-Frage diskutiert wurde. >> Wie werde ich Tättufierer? << stand dort in augenverbrennenden Buchstaben.
Wobei diese Schreibweise ja schon wirklich nicht mehr spektakulär ist, da hatten wir schon ganz andere Kaliber. >>Will Tatowira werden, wo kaufe? << - >>Mit wie viel Euro wird eigentlich nach der Tättu-Ausbildung ein Gesellen-Brief frankiert? << - >>Pils oder Alt?<<
Irgendwie ähneln sich viele dieser Fragen und einige dieser Tätowierer im Forum, wie zum Beispiel Maik Frey (Wilde 13, Esslingen), Peter Hot Ink, Frankenthal) oder Ralf (T&P Remus, Bexbach), beantworten die vielen Fragen mit nahezu jamaikanischer Gelassenheit.
Sie erklären, dass der Beruf des Tätowierers eher vergleichbar mit anderen künstlerischen Berufen ist.
Schauspieler oder Musiker sind passende Beispiele.
Beides Berufe, bei denen die reine Technik nicht ausreichend ist, sondern vor allem ein gewisses Maß an Talent erfordert.
Und so raten sie, eine Art Präsentationsmappe mit erstellten Zeichnungen anzufertigen und dann schlicht und einfach die unterschiedlichsten Tattoostudios zu besuchen und sich in einem persönlichen Gespräch um eine Lehrstelle zu bewerben.
Die Resonanz hierauf ist dann für die ratgebenden Profis oftmals ernüchternd. >> Was soll das, jeder hat doch mal klein angefangen, oder seid ihr alle mit der Tattoomaschine im Arsch auf die Welt gekommen?<<
Oft wird dann argumentiert, dass es schließlich früher auch keine richtige Tattoo-Lehre gab und man sie daher doch heute auch nicht bräuchte. OK – vor achthundert Jahren gab es auf Sri Lanka einen Stamm namens Bukku-Bukku. Immer, wenn einer der männlichen Stammesmitglieder Zahnschmerzen hatte, stach ihm der örtliche Medizinmann zwei kleine glühende Holznadeln in den Sack.
Das war früher eben so und man kannte nichts anderes. Muss man das dann heute immer noch so machen, auch wenn es anders möglich ist? Wie viel Zahnärzte oder Herz-Chirurgen kennt ihr, die zuhause im Wohnzimmer praktizieren?
Auch Tätowierer benötigen neben der professionellen Ausbildung ein professionelles Umfeld, mit professioneller Ausrüstung, nicht viel mehr, aber auf keinen Fall weniger!
Speziell durch die vielen Berichte der Medien ist der Beruf des Tätowierers in den vergangenen zwei Jahren unglaublich populär geworden. Die Mischung aus Blut, Schweiß und Tränen, die für das Erlernen dieses Berufes gleich literweise vergossen werden muss, fängt natürlich, wie bei allen Körperflüssigkeiten, irgendwann an zu müffeln. Einige Unerfahrene interpretieren dies dann leider als den Geruch des schnellen Geldes. Wären andere Berufsbilder in der Vergangenheit so populär geworden, würde sich die Geschichte ganz genauso wiederholen.
Wenn ihr jetzt zum Beispiel professionelle Schafwollpulloverstricker wärt und der TV-Sender DMAX hätte vor einem Jahr damit begonnen, die Sendung >> Chicago-Schaf<< zu senden, würden sich diejenigen, die wir heute als Tattoo-Scratcher kennen, ebenfalls bei Ebay mit schlechtem Equipment eindecken. In diesem Fall aber mit einem Stricker-Starterset.
Die Leute kämen dann ins Forum von www.Strick-Spirit.de und würden fragen, wie sie am schnellsten die dicke Kohle verdienen können, ohne etwas dafür tun zu müssen und ob die blaue Wolle von Wefa wirklich so viel besser ist, als die vom Strick-Supplier Müller-Lüdenscheid.
Dann würdet ihr antworten geben wie: >>Hey, wenn es dir wirklich ernst ist mit dem Stricken, dann musst du zunächst einmal eine Mappe anlegen mit den Pullovern, die du bereits gestrickt hast, oder zumindest ein paar Zeichnungen von geplanten Pullovern
(den sogenannten Strick-Flash).
Na und dann musst du Klinken putzen, dich bei professionellen Schafwollepulloverstrickern um einen Ausbildungsplatz bemühen – nur so geht´s.
<< Die Kommentare wären dann ungefähr: >> Was soll das, jeder hat doch mal klein angefangen, oder seid ihr alle mit den Stricknadeln im Arsch auf die Welt gekommen? <<
Ihr würdet euch mit den Leuten beim D:O:S: (Deutsche organisierte Schafwollepulloverstricker) zusammensetzen und euch für das Berufsbild des professionellen Schafwollepulloverstrickers einsetzen.
Ihr würdet euch auf der internationalen Schafwollepullover-Convention in Berlin, der Messe von Frank >>WEBER

Wir von der Redaktion und Tausende von professionellen Tätowierern möchten uns an dieser Stelle einmal ganz herzlich bei DMAX bedanken, dass sie sich gegen Chicago-Schaf und für Miami Ink entschieden haben. Denn so können wir uns auf den folgenden Seiten wieder der farbigen Körperkunst widmen.

Martin/ Tattoo Spirit

Quelle: Tattoo Spirit Ausgabe Oktober/November 2008

Einfach vorher mal nachdenken, bevor ihr zum Pfuscher mutiert.
Keiner, egal in welcher Berufssparte, duldet Pfuscher, da die Qualität und der Ruf der Berufssparte sehr darunter leidet.

Quelle: 666 Tattoo Demon